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Streikaktionen

Interview über den ver.di-Streik an den Uni-Kliniken in NRW

Interview zum herunterladen - einfach >>> hier >>> anklicken! 08.03.06

„Der Streik ist beendet, wenn wir unsere Forderungen durchgesetzt haben“

Seit nunmehr fast vier Wochen streiken bis zu 3.000 KollegInnen der Uni-Kliniken Aachen, Bonn, Düsseldorf, Essen und Köln. Die Internetredaktion sprach mit Alexandra Willer, Uschi Gerster und Stephan Gastmeier von der betrieblichen Streikleitung des Uniklinikums Essen zum Streik an den Uni-Kliniken:

Internetredaktion: Worum geht es überhaupt bei diesem Streik?

Uschi Gerster: In den Medien wird es ja immer so dargestellt, als wenn es bei den Streiks im Öffentlichen Dienst nur um 18 Minuten längere Arbeitszeit gehen würde. Konkret bei uns ist es aber so, dass wir seit der Umwandlung des Uniklinikums in eine Anstalt des öffentlichen Rechts überhaupt keinen Tarifvertrag mehr haben. Seit 2004 werden neu eingestellte Kolleginnen und Kollegen schlechter gestellt. Sie müssen bereits 41 Wochenstunden ohne Lohnausgleich arbeiten, erhalten kein Urlaubsgeld mehr und nur noch 50% Weihnachtsgeld. Wir fordern deshalb den Abschluss eines eigenen Tarifvertrags auf der Grundlage des neuen TvÖD und den Erhalt der 38,5 Stundenwoche für alle. Da wir schon seit 2003 keine Lohn- und Gehaltserhöhung hatten, wollen wir auch noch 50 € tabellenwirksam auf den BAT und 250 € für die Auszubildenden, sowie das volle Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Vor allem bei der Arbeitszeit gibt es für uns keinen weiteren Kompromiss. Jede Arbeitszeitverlängerung kostet Arbeitsplätze, die wir für die Übernahme der Azubis nach der Ausbildung brauchen und für die Weiterbeschäftigung unserer befristet eingestellten Kolleginnen und Kollegen. Wir haben schon über 5 Millionen Arbeitslose zu viel. Wir werden nicht dazu beitragen, dass es noch mehr werden. Heutzutage ist Arbeitszeitverkürzung angesagt, keine Verlängerung. Und das Geld brauchen wir auch!

Internetredaktion: Welche Bereiche sind vom Streik betroffen? Wie viele KollegInnen befinden sich im Streik?

Alexandra Willer: Es sind alle Bereiche mehr oder weniger betroffen. Mit uns streiken Kolleginnen und Kollegen aus der Küche, vom Reinigungs- und Transportdienst, von der Telefonzentrale, vom Handwerkerbereich, von der Wäscheausgabe, aus der Technik und vom EDV-Bereich, Anästhesiepfleger und Krankenschwestern, aus der Krankenpflegeschule und aus den verschiedensten Laboren. Insgesamt sind über 500 Kolleginnen und Kollegen in den Streik mit einbezogen.

Internetredaktion: Eine große Tageszeitung behauptet, dass Notfallpatienten aufgrund der Streikaktion nicht behandelt werden. Trifft dies zu?

Alexandra Willer: Das stimmt natürlich nicht und dient nur dazu, unseren Streik in der Bevölkerung zu diskreditieren. Ver.di hat mit der Klinikumsleitung eine Notdienstvereinbarung abgeschlossen, damit eine Notfallversorgung auf jeden Fall gewährleistet ist. Natürlich hat unser Streik auch Auswirkungen auf Patienten, wenn zum Beispiel Operationen verschoben werden, die nicht akut notwendig sind. In der Regel haben die Patienten und ihre Angehörigen großes Verständnis für unseren Streik, besuchen uns auch im Streikzelt. Unser Streik richtet sich ja nicht gegen sie. Sie kennen unsere Arbeitsbedingungen und wissen, dass durch eine Verlängerung der Arbeitszeit und weiteren Personalabbau auch die Patientenversorgung noch weiter verschlechtert wird.

Internetredaktion: Wie ist die Stimmung? Was macht ihr so den ganzen Tag?

Stephan Gastmeier: Die Stimmung unter den Streikenden ist hervorragend und ungebrochen kämpferisch. Wir sind im Laufe des Streiks zu einer richtigen Gemeinschaft zusammengewachsen, über alle Berufsgruppen hinweg. Um 8 Uhr beginnt unsere Streikversammlung. Dort verlesen wir die neuen Solidaritätserklärungen, besprechen den Tagesablauf, berichten über Neuigkeiten und diskutieren darüber. Wenn jemand Geburtstag hat, wird gemeinsam ein Ständchen gesungen. Wir machen Veranstaltungen zu verschiedenen Themen, wie zur Bolkestein-Richtlinie, zum TvÖD, zur gewerkschaftlichen Vertrauensleutearbeit. Viele Kolleginnen und Kollegen packen inzwischen ganz selbstverständlich bei den verschiedensten Aufgaben mit an: Beim Aufbau am Morgen, beim Kaffee kochen, bei der Essensausgabe, einkaufen, aufräumen. Es werden Waffeln gebacken, Flugblätter verteilt, Solidaritätsunterschriften gesammelt. Wir produzieren eigene Buttons für den Streik, Transparente werden gemalt, ein Streiklied gedichtet. Sehr aufmerksam wird die Presse verfolgt, Leserbriefe geschrieben und auch Filme angeschaut. Immer wieder gehen wir in die verschiedenen Bereiche und diskutieren mit den noch nicht Streikenden, um sie zu überzeugen. Wir machen auch fast täglich einen Demo-Zug durchs Klinikumsgelände um zu zeigen, dass wir immer noch da sind. Das ist auch wichtig für diejenigen, die Notdienst machen müssen oder nicht mitstreiken dürfen. Wir machen aber auch Solidaritätsbesuche bei den anderen Unikliniken und Demonstrationen in die Innenstadt.

Internetredaktion: Wie hat der Arbeitgeber bislang auf den Streik reagiert? Und gibt es Streikbrecher?

Alexandra Willer: Unsere Klinikdirektoren ziehen sich nach wie vor darauf zurück, dass sie die falschen Ansprechpartner wären und nicht mit ver.di für die Unikliniken verhandeln könnten. Da die Kantine auf Grund des Streiks geschlossen ist, geben sie Lunchpakete aus für diejenigen, die arbeiten, damit sie besser durchhalten. Der Müll wird von einem externen Transportdienst abtransportiert und im Reinigungsdienst wird inzwischen von der bereits vorhandenen Servicegesellschaft ausgedehnter geputzt. Das kostet natürlich alles noch mal zusätzlich Geld. Besonders einige Chefärzte sehen wohl ihre Felle davon schwimmen und verhalten sich besonders übel. Nicht nur, dass sie versuchen die Notdienstvereinbarung zu unterlaufen. Sie setzen streikende Kolleginnen und Kollegen massiv unter Druck und drohen ihnen, so dass einige, vor allem die mit befristeten Arbeitsverträgen, wieder arbeiten gehen.

Internetredaktion: Welche Rolle spielt die CDU-Landesregierung NRW beim Streik?

Uschi Gerster: Unser Streik hat eine politische Dimension. Herr Linssen, NRW Finanzminister, mischt sich ganz direkt in unsere Tarifautonomie ein. Dabei kannte er an unserem 13. Streiktag noch nicht einmal unsere Forderungen! So hat er unseren Klinikdirektoren verboten, mit ver.di eigene Tarifverhandlungen für die Unikliniken aufzunehmen. Der Skandal dabei ist, dass nach unseren Informationen die finanziellen Ausfälle durch den Streik an den Unikliniken in Millionenhöhe von der NRW Staatskasse bezahlt werden – von unseren Steuergeldern! Dafür gibt es also Geld, während ansonsten überall gestrichen und gekürzt wird, vor allem im Sozialen- und Jugendbereich. Hier sieht man wieder einmal, dass das Märchen von den leeren Kassen nicht stimmt. Wenn es um ihre Interessen geht, ist Geld da. Um dagegen zu protestieren, haben wir auch schon einen Demozug zur CDU-Zentrale in Essen gemacht und waren natürlich bei der Großkundgebung in Düsseldorf vor dem Finanzministerium dabei.

Internetredaktion: Sind Solidaritätserklärungen und Solidaritätsbesuche erwünscht?

Uschi Gerster: Unbedingt. Wir brauchen die Solidarität von außen, die uns den Rücken stärkt, die uns zeigt, wir sind nicht allein in diesem Streik. Das ist sehr wichtig für die Kampfmoral. Uns ist auch bewusst, dass das Ergebnis unseres Streiks nicht nur für uns von Bedeutung ist, sondern eine bundesweite Signalwirkung haben kann. Um so wichtiger ist es, dass wir weitermachen, bis wir unsere Ziele erreicht haben und dabei die Masse der Bevölkerung hinter uns steht und uns das auch durch Solidaritätserklärungen und Solidaritätsbesuche zeigt.

Internetredaktion: Wie könnte der Streik beendet werden?

Stephan Gastmeier: Der Streik ist beendet, wenn wir unsere Forderungen durchgesetzt haben.

Internetredaktion: Danke für das Interview und viel Erfolg!

Das Interview mit der Streikleitung des Essener Uniklinikums führte Rainer Sauer vom WASG Kreisverband Borken-Coesfeld. Mehr Infos unter www.wahlalternative-bocholt.de

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